Europäischer Daphne-Preis vergeben

23. Oktober 2023

Fast auf den Tag genau vor neun Jahren, am 16. Oktober 2017, wurde die maltesische Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia beim Verlassen ihres Wohnhauses durch einen Bombenanschlag ermordet. Die 53-jährige Mutter dreier Kinder hatte seit vielen Jahren über Korruption, Geldwäsche und organisierte Kriminalität und deren Verflechtung mit der Politik recherchiert und berichtet. Zuletzt stand ein Milliardendeal für ein Gaskraftwerk des politisch bestens vernetzten Unternehmens Electrogas im Mittelpunkt ihrer Arbeit.

Die Ermordung von Daphne Caruana Galizia, nur vier Monate später gefolgt von der Ermordung des slowakischen Journalisten Ján Kuciak, war ein Weckruf für das Europäische Parlament, Maßnahmen zur Verteidigung des freien Journalismus zu ergreifen und zu unterstützen. Eine dieser Maßnahmen ist die Anti-SLAPP-Richtlinie, die verhindern soll, Journalist:innen und Medien durch millionenschwere Klagen mundtot zu machen (eine solche Klage gegen Caruana Galizia belastet noch immer die Familie der ermordeten Journalistin, obwohl der mutmaßliche Drahtzieher des Attentats nach jahrelangen Verfahren eben erst freigesprochen wurde). Österreich war bei der nationalen Umsetzung säumig, ein diesbezügliches Anti-SLAPP-Gesetz ist aber nun in Begutachtung.

Eine andere sichtbare Erinnerung an Caruana Galizia und Würdigung journalistischer Investigation ist der jährliche Daphne Caruana Galizia Journalismuspreis des Europäischen Parlaments, der am Mittwoch zum sechsten Mal in Straßburg vergeben wurde. „Ihre Geschichte erinnert uns daran, dass die Freiheit der Presse nicht ein für allemal erreicht werden kann“, sagt Pina Picierno, die für den Preis zuständige Vizepräsidentin des EUP. „Nicht die Presse, unsere Demokratie wird angegriffen. Freiheit, Demokratie und Journalismus sind untrennbare Bestandteile, die derzeit unter Druck stehen.“

Die Beteiligung an diesem höchstdotierten Journalismuspreis des Europäischen Parlaments ist beachtlich. Waren es zu Beginn noch weniger als 100 Einreichungen, unterzogen sich heuer 344 journalistische Arbeiten aus allen Mitgliedsstaaten, darunter auch Österreich, der Bewertung. Der international von Journalist:innen-Vereinigungen besetzten Jury gehört Helmut Spudich als Vizepräsident der Concordia an.

Zehn Beiträge schafften es auf die Shortlist und wurden bei der Preisverleihung im Europäischen Parlament in Kürze präsentiert – allesamt tief recherchierte und dokumentierte Beiträge  unterschiedlichster Formate, von Multimedia-Beiträgen, Printartikeln oder TV-Dokus.

Die Aufdeckung unangenehmer Wahrheiten (Motto des Preises): Entsprechend den Kriterien geht es – wie bei der Arbeit Galizia Caruanas – um Menschenrechte, den Kampf gegen Korruption und den Kampf für Freiheit, Demokratie und den Rechtsstaat. Vielfach entstehen diese Arbeiten durch medien- und grenzübergreifende Zusammenarbeit von Journalist:innen und Medien; aber auch außergewöhnliche Einzelleistungen finden sich auf der Short List. „Russlands Geheimnisse: So schützt Putin seine Atomwaffen“, eine breite Kooperation deutscher Medien unter Federführung des öffentlich-rechtlichen NDR, deckte das arktische Überwachungssystem Russlands auf. 

Geopolitik und der Krieg Russlands gegen die Ukraine – und der „hybride Krieg“ gegen die EU – fanden sich in vielen Beiträgen als Thema, darunter eine Analyse in Indegazette.de, wie der belgische Hafen Zeebrugge weiterhin der wichtigste Umschlagsplatz für russisches Flüssiggas ist. Die Probleme, die Big Tech und Social Media verursachen, finden sich wieder: Darunter eine akribische Darstellung, wie dank des Lobbyings von Tech-Unternehmen Geheimhaltungsvereinbarungen für Datenzentren die Herausgabe von relevanten Daten zur Umweltbelastung verhindern, der Rechercheplattform Investigate Europe.

Die diesjährigen Preisträger:innen, ein grenzübergreifendes Projekt des niederländischen De Correspondent, widmeten sich den „Rückkehrzentren“, die seit einiger Zeit als Wundermittel einiger EU-Staaten (darunter Österreich) gegen unerwünschte Migrant:innen gesehen werden. Der niederländische Titel der aufrüttelnden Reportage lautet in deutscher Übersetzung „Migranten in einem Käfig in Albanien einsperren: Italien tut es, die Niederlande wollen es“. „In Handschellen, Käfigen und verbannt, das nennt Europa seine ‚innovative Lösung‘ für nicht gewollte Migration. Es wird uns als Modell verkauft, aber Journalisten erhalten weder Zutritt noch grundlegende Informationen über das italienische Lager in Albanien“, beschreibt Maite Vermeulen, eine der Autorinnen. Die Recherche zeigt unter anderem, dass der finanzielle Aufwand für eine Person eine Million Euro beträgt. Und: Alleine in den ersten drei Monaten gab es zwölf Suizide. Der Beitrag sei „ein Weckruf über die Konsequenzen solcher Migrations-Deals“, sagt Vermeulen.  (Die englische Version finden Sie hier: Cuffed, caged, cast away: this is Europe’s ‘innovative solution’ for unwanted migrants – De Correspondent)


Die Preisträger:innen des Daphne Caruana Galizia Journalism Award 2026: Maite Vermeulen und Giacomo Zandonini.

Noch ein ungewöhnlicher Zugang findet sich auf der Shortlist, der die Arbeit investigativer Journalist:innen würdigt: Der Protagonista Podcast von Pavla Holcová, eine spannend inszenierte Dokumentation über die persönlichen – oft sehr bedrohlichen – Erfahrungen der investigativ tätigen Autor:innen. „Ich habe Dinge gesehen, die ich nicht sehen sollte.“ (Die einzelnen Episoden sind auf Englisch: https://protagonistapodcast.com)

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