Über Qualität und Journalismus

Was ist eigentlich Qualitätsjournalismus? Eine aktuelle Studie des Medienhaus Wien zeigt, welche Kriterien man für die Bestimmung von journalistischer Qualität verwenden kann. Im Wiener Rathaus scheint man davon nichts mitbekommen zu haben.

 

Was macht guten Journalismus aus? Bis zu einem gewissen Grad ist das Geschmackssache und kaum konkret zu beantworten. Das Bundeskanzleramt veröffentlichte vor kurzem eine Studie zum Thema, durchgeführt von Andy Kaltenbrunner und dem Medienhaus Wien. Darin werden verschiedene Theorien zur Bestimmung von Qualität im Journalismus beschrieben und zusammengefasst. 

Der Studie zufolge gibt es in der Medienwissenschaft im Wesentlichen zwei Ansätze, um journalistische Qualität zu messen. Der erste rückt die demokratiepolitische Funktion der Medien in den Fokus. Dabei geht es darum, Kriterien zu finden, die zeigen, in wie weit ein Medium das demokratische System eines Landes stärkt. Hierzu zählen die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit des Mediums, Sachlichkeit in der Berichterstattung, Relevanz der behandelten Themen und die Achtung der Grundrechte und Menschenwürde.

Der zweite Ansatz zur Qualitätsbestimmung ist praxisorientierter und pragmatischer. Hierbei wird etwa auch der ökonomische Erfolg eines Mediums zur Bestimmung seiner Qualität herangezogen. Weitere messbare Faktoren wie der Ausbildungsstand der angestellten JournalistInnen, die Richtigkeit und Nachvollziehbarkeit der Recherche oder das Verhältnis von Werbung zu redaktionellem Inhalt werden ebenfalls berücksichtigt. 

Ein wichtiger Hinweis auf journalistische Qualität ist zudem der offene Umgang eines Mediums mit Kritik sowie die Bereitschaft zur Selbstkritik. Mitgliedschaft bei freiwilligen Selbstkontrolleinrichtung wie dem Österreichischen Presserat oder ein eigener Code of Conduct würden diesem Kriterium entsprechen. 

Wien will zukünftig journalistische Qualität bei der Inseratenvergabe berücksichtigen.

Das hat der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig zuletzt Ende Oktober im Gemeinderat angekündigt. Grundsätzlich eine gute Idee, aber bezüglich deren Umsetzung ignoriert Ludwig völlig die vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Qualitätsforschung.

So meinte der Bürgermeister, dass sich für ihn die Qualität eines Mediums über die Anzahl der für ein Medium arbeitenden Journalisten definiere. Wie diese genau mit dem Qualitätsanspruch eines Mediums in Verbindung stehen soll, hat er jedoch bisher nicht verraten. Die Ausübung journalistischer Arbeit ist in Österreich nicht an nachweisbare Kompetenzen gekoppelt. Ausbildung, Professionalität und ethische Prinzipien spielen für die Bezeichnung „Journalist“ keine Rolle. Laut Journalistengesetz gilt schon als Print-JournalistIn, wer “mit der Verfassung des Textes oder mit der Zeichnung von Bildern betraut[e] Mitarbeiter einer Zeitungsunternehmung” ist.

Wenn also die 90 fix angestellten, demokratiezersetzenden Desinformations-Trolle der russischen Internet-Research-Agency als Journalisten für eine österreichische Zeitung schreiben würden, lieferten sie nach Ludwigs Definition „Qualität“.

Journalistische Qualität und berechtigte wirtschaftliche Interessen von Medien zu vereinen bleibt eine zentrale Herausforderung. Die Anzahl der Angestellten ist jedenfalls ein ökonomisch bestimmter Faktor, der auf keinen Fall allein als Qualitätsmerkmal gelten kann, wie Kaltenbrunners Studie eindeutig zeigt. Was Qualität ist, muss verhandelt und definiert werden – wir hoffen, auch der Wiener Bürgermeister zeigt sich dazu bereit.